Frankfurt, 02.12.2002
Lieber Jürgen,

es ist vollbracht, die Perfektion hat uns erreicht, fast, muss ich einschränkend zugeben. Ich weiß auch nicht, ob ich nicht auch noch an Renate, die Kühne auf dem Ast, an dem jeden Tag irgend jemand sägt, eine Kopie meiner eiligen Depesche schicken sollte?
Aber jetzt erst mal zum neuesten Stand der Dinge: Wir haben aus Sizilien Speisesalz erhalten, versehen mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum. Endlich! Salz mit Verfallsdatum. Super! Unsere Vorfahren wussten sich noch dadurch zu helfen, dass sie Schweinefleisch und andere Produkte heranzogen, um Salz haltbar zu machen. Aber bei dem allgemeinen Sittenverfall gerät das Wissen der Alten um Konservierung auch in Vergessenheit. Was ich jetzt gerne hätte, wären Mindesthaltbarkeitsdaten für Wein! Ich war neulich mit Georg Baselitz – Du weißt, er hat das 89er Mouton-Etikett gestaltet – bei Phillipine Rotschild im Pauillac, um einige Fläschchen 1945er und 1961er aus der Schlossreserve zu holen. Hätten diese vergammelten Pullen, staubig wie d’ Sau, ein deutsches MHD-Schild gehabt, dann hätt’s die schon gar nicht mehr gegeben, bzw. keiner würde sie trinken. Wirklich am Herzen liegt mir aber, dass unser Trinkwasser, auch wenn es aus der Leitung kommt, MHD-Kennzeichnungen bekommt.
Ich stelle mir da vor, dass die jeweiligen Stadtwerke ab morgens 5 Uhr das Tagesdatum in Blattgoldplättchen gestanzt, so wie Danziger Goldwasser, in die Bassins schütten und je nach Bedarf den ganzen Tag lang nachdrucken und ins Wasser werfen. Blattgold tut auch dem Magen gut. Alle wären dann sicher, dass das Wasser frisch ist. Ich habe mal ein Menu gegessen, das der Wiener Maler Fuchs in München servierte, mit Blattgold drauf. Ein paar Leute sagten dann später bösartig oder neidisch, wie sie nun mal sind, ich hätte jetzt und sei ja ein richtig goldiges Arschloch. Gemein, gell? Und zur Krönung bekommt man im Kapitalismus auch noch jeden Tag den silbernen Stiefel.

Harrend der Erleuchtung grüßt aus der Hauptstadt des Verbrechens

Dein Michael

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